Die Erde ist des Herrn: Die innere Welt des Juden in Osteuropa

7,90 

Übersetzung: Ruth Olmesdahl

Broschiert: 111 Seiten
Erschienen: 1985

Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-934658-86-8

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Artikelnummer: 978-3-934658-86-8 Kategorie: Schlüsselworte: , , , Produkt-ID:2085

Beschreibung

Sie wurden gelehrt, für das Entfernteste im Nächstliegenden zu sorgen, immer in dem Wissen, dass das Vergängliche eine Spiegelung des Bleibenden ist, dass die Tische in ihren bescheidenen Häusern geweihte Altäre werden können, dass eine einzige Tat eines einzigen Menschen über das Schicksal aller Menschen entscheiden kann.
Neukirchener

Vorwort

In diesem Büchlein habe ich versucht, die Geschichte der Juden Osteuropas zu erzählen, die in unseren Tagen zu Ende gegangen ist. Ich spreche nicht über ihre Bücher, ihre Kunst oder ihre Institutionen, sondern über ihr tägliches Leben, über ihre Sitten und Gebräuche, über ihre Einstellung zu den Grundtatsachen des Lebens, über die Wertmaßstäbe, die ihr Streben leiteten.

Es ist die Geschichte eines ganzen Zeitalters der jüdischen Geschichte, und sie versucht, den Charakter eines Volkes darzustellen, wie er sich in seiner Lebensweise durch die Generationen spiegelt, in seinen Bindungen und Beweggründen, in seinen einzigartigen und dauerhaften Zügen. Unter einem größeren historischen Blickwinkel betrachtet, werden Fragen, die in den letzten Jahren allmählich wichtig wurden, nur insoweit berücksichtigt, wie es ihrem Anteil am Gesamtbild der aschkenasischen Periode zukommt, die sich über achthundert Jahre erstreckt hat.[1]

Meine Aufgabe bestand nicht darin zu erklären, sondern zu sehen, zu erkennen und zu beschreiben. Eine Untersuchung der sozialen, ökonomischen und politischen Faktoren, die während dieser Periode wirksam waren, und ihr Einfluß auf den Geist des Volkes lag nicht im Rahmen dieser Abhandlung. Ebensowenig war es meine Absicht, bei den verschiedenen Errungenschaften jener Periode zu verweilen — die Beiträge zu Wissenschaft und Literatur, zu Kunst und Theologie, die Entstehung der Wissenschaft des Judentums[2], die Wiederbelebung der hebräischen Sprache, die moderne hebräische und jiddische Literatur, die Entwicklung der jiddischen Sprache, des Zionismus, des jüdischen Sozialismus, die Errichtung neuer Zentren, der Wiederaufbau Israels, die verschiedenen Versuche, jüdisches Leben zu modernisieren und den wechselnden Bedingungen anzupassen.

Denn wie schätzt man die historische Bedeutung einer Epoche richtig ein? Mit welchen Maßstäben messen wir Kultur? Es ist in der modernen Welt üblich, eine Epoche an ihrem Fortschritt in der allgemeinen Zivilisation zu messen, an der Qualität der Bücher, an der Zahl der Universitäten, an den künstlerischen Werken und an den wissenschaftlichen Entdeckungen, die während dieser Zeit gemacht wurden. Als Juden, die wir eine alte Tradition für die Einschätzung und Bewertung von Ereignissen und Generationen haben, beurteilen wir die Geschichte nach anderen Kriterien, nämlich danach, wieviel Bildung es im Leben des Volkes, wieviel geistige Substanz es in seinem täglichen Leben gibt. In unseren Augen ist Kultur der Lebensstil eines Volkes. Wir beurteilen Kultur nach dem Maß, nach dem ein ganzes Volk, nicht nur einzelne, in Übereinstimmung mit den Geboten einer ewigen Lehre lebt oder nach geistiger Wahrhaftigkeit strebt; nach dem Ausmaß, in dem Innerlichkeit, Mitleid, Gerechtigkeit und Heiligkeit im täglichen Leben der Massen zu finden sind. Der Lebensstil eines Volkes ist bedeutsamer als sein Kunststil. Nicht der Ausdruck zählt am meisten, sondern die Existenz selbst. Der Schlüssel zur Quelle der Kreativität liegt nicht in der bloßen Fähigkeit zum Ausdruck, sondern in dem Willen, an der Spiritualität festzuhalten, dem Nichtausdrückbaren nahe zu sein. Wirkliche Kreativität kommt aus dem Offensein für die Vereinigung mit dem Ewigen in der Realität. Um die osteuropäische Periode der jüdischen Geschichte angemessen beurteilen zu können, musste ich das Lebensgefühl und den Lebensstil des Volkes untersuchen. Dies führte zu dem Schluss, dass unser Volk in dieser Epoche das höchste Maß an Innerlichkeit erlangt hat. Ich fühle mich zu der Aussage berechtigt, dass es das goldene Zeitalter der jüdischen Geschichte, der Geschichte der jüdischen Seele war.

[1] Die osteuropäische Periode war eine Phase in der Entwicklung der aschkenasischen Judenheit, vgl. S. 21f.

[2] Moderne wissenschaftliche Untersuchungen der jüdischen Geschichte und Literatur

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