Die ungesicherte Freiheit: Essays zur menschlichen Existenz

14,90 

Übersetzung: Ruth Olmesdahl

Broschiert: 238 Seiten
Erschienen: 1985

Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-934658-88-2

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Artikelnummer: 978-3-934658-88-2 Kategorie: Schlüsselworte: , , Produkt-ID:2118

Beschreibung

Religion in einer freien Gesellschaft

Die Religion unserer Tage fordert wenig vom Menschen. Sie bietet bereitwillig Trost — aber sie hat nicht den Mut zur Herausforderung; sie bietet bereitwillig Erbauung — aber sie hat nicht den Mut, Götzen zu stürzen und Gleichgültigkeit zu erschüttern. Die Crux ist, dass Religion zu »Religion« geworden ist, zu Institution, Dogma, Ritus. Sie ist kein Ereignis mehr. Sich dazu zu bekennen bedeutet weder Risiko noch Spannung. Religion ist gesellschaftsfähig geworden, und ihre Vertreter setzen das »nihil obstat« der Sozialwissenschaftler auf die Titelseiten ihrer Veröffentlichungen.

Es gibt keinen Ersatz für Glauben, keine Alternative zur Offenbarung, keinen Ersatz für Verpflichtung. Das müssen wir vor Augen haben, damit wir unser Denken vor Verwirrung schützen. Und Verwirrung ist keine seltene Krankheit. Wir alle müssen uns schuldig bekennen, dass wir Falschmünzerei treiben. Wir geben eine Definition für Selbstvertrauen und nennen es  Glauben, für Klugheit und nennen es Weisheit, für Anthropologie und nennen es Ethik; wir meinen Literatur, wenn wir von der Bibel sprechen; innere Sicherheit nennen wir Religion und Gewissen Gott. Jedoch keine Täuschung kann ewig währen. Theorien mögen unserer Vergeßlichkeit Vorschub leisten, aber es gibt einen Geist in der Geschichte, der uns zur Sache ruft.

Meist macht man die säkulare Wissenschaft und antireligiöse Philosophie für den Verfall der Religion in der modernen Gesellschaft verantwortlich. Ehrlicher wäre es, der Religion selbst die Schuld an ihrer Niederlage zu geben. Denn die Religion verfiel nicht, weil sie abgelehnt wurde, sondern weil sie unverbindlich, langweilig, herrschsüchtig und schwächlich geworden ist. Wenn Glaube durch Bekenntnisformeln ersetzt wird, ritueller Vollzug an die Stelle der Anbetung tritt und Gewohnheit an die Stelle der Liebe, wenn die Krise von heute um vergangenen Glanzes willen ignoriert wird, wenn Glaube mehr ein Erbstück ist als eine lebendige Quelle, wenn die Religion nur noch im Namen der Autorität spricht und nicht mehr mit der Stimme des Mit-Fühlens — dann hat ihre Botschaft allen Sinn verloren. Religion ist eine Antwort auf letzte existentielle Fragen.

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